Autorin

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Valerie Pauling, geboren 1968, studierte Germanistik und Ethnologie in Bonn und Hamburg. Ihre Faszination für Geschichte, Kultur und Traditionen formte ihren Blick auf die Welt. Zu ihrem Roman „Der Himmel ist hier weiter als anderswo“ inspirierte sie das Alte Land, an dessen Rand sie mit ihrer Familie in einem alten Bauernhaus wohnt. An klaren Tagen kann sie von ihrem Dorf aus bis zum Hamburger Hafen sehen. Musik spielt in ihrer Familie eine große Rolle, sie selbst nimmt dabei am liebsten die Rolle der Zuhörerin ein.

Fragen an Valerie Pauling (die Fragen wurden gestellt von ihrer Lektorin bei HarperCollins):

Frau Pauling, Ihre Protagonistin Fee zieht von einer zentralen Wohnung in Hannover aus mitten ins Alte Land. Ihnen ist der Wechsel von der Großstadt ins Dorf auch nicht fremd, richtig?

Ja, tatsächlich bin auch ich vor vielen Jahren von Hamburg, mitten aus einem lebendigen Szeneviertel, aufs Land gezogen. Am Anfang habe ich die Stadt sehr vermisst. Inzwischen bin ich jedoch ganz froh über Ruhe, Grün und Überschaubarkeit. Es sind zwei Seiten einer Medaille, beide zu kennen, erweitert auf jeden Fall den Horizont.

Sie sind promovierte Ethnologin. Haben Sie eine Theorie dazu, was es mit dem Alten Land auf sich hat? Warum wurde dieser Landstrich in den vergangenen Jahren zunehmend zum Sehnsuchtsort für Großstädterinnen und Großstädter?

Ländliche Regionen sind für Menschen, die in der Großstadt leben, offenbar generell interessant geworden. Die Großstädte sind voller geworden, der Verkehr hat zugenommen, Mieten sind gestiegen – gerade für Familien ist es schwer, in der Stadt einen Platz zu finden. Das Alte Land liegt zwar nahe bei Hamburg, ist aber eine andere Welt, die vordergründig intakt wirkt, vom allzu schnellen Wandel verschont. Es gibt, glaube ich, bei vielen Menschen eine ganz konservative Sehnsucht nach Beständigkeit, Dauerhaftigkeit und, als Trend der Zeit, auch nach Natur. Wobei Sehnsucht und Wirklichkeit oft zwei verschiedene Dinge sind. Wenn man die hübschen alten Häuser an der Straße sieht, ist man als Großstädter gern geneigt, die industrielle Landwirtschaft dahinter auszublenden. Ebenso wie die das Besondere ländlicher Sozialstrukturen, die teilweise anders sind als die in der Großstadt.

Zu Beginn des Romans ist Fee wie unter einer Glocke: Sie hat den Verlust ihres Mannes nicht verwunden und hält nur ihren Kindern zuliebe alles zusammen – man braucht als Leserin ein wenig, um mit ihr warm zu werden. Was hat Sie an Fees Geschichte, an ihrer Entwicklung interessiert?

An Fee hat mich der Aufbruch interessiert, der Mut zu einem neuen Schritt im Leben, die Überwindung der Trauer. Die nur stattfinden kann, weil sie mutig ist und sich öffnet. Tatsächlich ist sie aber auch eine eher zurückhaltende Frau, die grundsätzlich versucht, Dinge mit sich selbst auszumachen – gerade das mochte ich an ihr.

Fees vier Kinder sind – nicht nur aufgrund des Altersunterschiedes – sehr verschieden. Zukunftsängste, Social Media, nicht zuletzt der Umweltschutz sind jedoch wiederkehrende Themen. Sie selbst haben noch schulpflichtige Kinder – verraten Sie uns, welche Abendessendiskussionen die Positionen ihrer Figuren geformt haben?

Da muss ich lachen. Fridays for future, Klimaschutzdiskussionen und auch die Überlegung in der Familienrunde beim Abendessen, wie viel Fleisch tatsächlich nötig ist, sind in den Roman eingeflossen. Wir alle haben in den letzten Monaten, angestoßen von unseren jugendlichen Kindern, eine Veränderung durchgemacht, was das Konsumverhalten betrifft, und das erlebe ich als sehr bereichernd. Und die Kinder fahren auch, anders als ich, fleißig Fahrrad. Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass die jungen Menschen den älteren in mancher Hinsicht voraus sind und es den älteren gut ansteht, auf die jüngeren zu hören.

(8/2020)